Sure Maryam: Maria im Islam — Mutter, Heilige, Vorbild
Die einzige Sure des Korans, die nach einer Frau benannt ist, handelt von Maryam (Maria). Wer ist sie im Islam — und was unterscheidet das islamische Bild von ihr vom christlichen?
Sure Maryam: Maria im Islam
Es gibt im Koran 114 Suren. Eine davon — und nur eine — ist nach einer Frau benannt.
Diese Frau ist Maryam. Maria.
Diese Tatsache allein sagt etwas über den Stellenwert Maryams im Islam aus. Und doch ist das islamische Bild von ihr in der westlichen Welt kaum bekannt.
Wer ist Maryam im Islam?
Der Koran beschreibt Maryam als die reinste und ehrenwerteste Frau, die je gelebt hat. Ein Engel sagt zu ihr:
«O Maryam, Allah hat dich auserwählt und gereinigt und über alle Frauen der Welt bevorzugt.» (3:42)
«Über alle Frauen der Welt» — das ist keine kleine Auszeichnung.
Im Islam ist Maryam nicht Gottesmutter — denn Isa ist für Muslime ein Prophet, nicht Gott. Aber ihre persönliche Heiligkeit, ihre Reinheit und ihre Gottesnähe sind außergewöhnlich hoch.
Die Geschichte von Maryams Kindheit
Bevor wir zu Isa kommen, erzählt der Koran von Maryams Kindheit — eine Geschichte, die in der Bibel so nicht vorkommt.
Maryams Mutter weiht das Kind im Mutterleib Gott: «Herr, ich habe geweiht, was in meinem Bauch ist, Dir allein.»
Das Kind ist ein Mädchen — was die Mutter überrascht, denn sie hatte sich einen Jungen vorgestellt, der dem Tempel dienen sollte. Aber Gott sagt: «Allah weiß besser, was sie geboren hat.»
Maryam wächst unter dem Schutz von Zacharias auf, dem Priester. Immer wenn er ihr Gemach betritt, findet er bei ihr Nahrung. Er fragt: «Woher hast du das?» Sie antwortet: «Von Allah — Allah versorgt, wen Er will, ohne Maß.»
Dieses kleine Detail — Nahrung aus dem Nichts, noch bevor Isa geboren ist — zeigt, dass Maryams Verbindung mit Gott schon sehr früh besonders war.
Die Verkündigung: Ein Dialog zwischen Angst und Vertrauen
In Sure Maryam erscheint der Engel Jibril (Gabriel) in Menschengestalt. Maryam erschrickt und sagt: «Ich suche Zuflucht beim Erbarmer vor dir, wenn du Gottes fürchtig bist.»
Der Engel beruhigt sie: «Ich bin nur ein Bote deines Herrn, um dir einen reinen Sohn zu geben.»
Maryams Frage ist direkt und vernünftig: «Wie kann ich einen Sohn bekommen, wenn mich kein Mensch berührt hat, und ich keine Hure bin?»
Der Engel antwortet: «So ist es. Dein Herr sagt: Das ist leicht für Mich. Und Wir machen ihn zu einem Zeichen für die Menschen und einer Barmherzigkeit von Uns.»
Diese Szene ist bemerkenswert: Maryam stellt Fragen. Sie ist keine passive Empfängerin göttlicher Beschlüsse — sie ist eine denkende, fragende Person. Und ihre Frage wird direkt beantwortet.
Die Geburt: Allein unter der Palme
Maryam zieht sich zurück. Sie ist allein. Die Geburtswehen kommen. Der Koran schildert ihre Not und Erschöpfung:
«Sie sagte: 'Oh, wäre ich doch vorher gestorben und völlig vergessen gewesen.'»
Eine tiefmenschliche Reaktion — Erschöpfung, Scham, Einsamkeit.
Dann kommt eine Stimme von unten: «Trauere nicht. Dein Herr hat unter dir einen Bach fließen lassen. Und schüttle den Palmenstamm zu dir hin — frische Datteln werden auf dich fallen.»
Nach der Geburt nimmt sie das Kind und trägt es zu ihrem Volk. Als sie mit dem Neugeborenen erscheint, sagen die Menschen entsetzt: «Dein Vater war kein schlechter Mann, und deine Mutter keine Hure.»
Maryam schweigt. Sie zeigt auf das Kind. Das Kind — der neugeborene Isa — spricht:
«Ich bin der Diener Allahs. Er hat mir das Buch gegeben und mich zum Propheten gemacht.»
Maryam und christliche Frauen: Was verbindet sie?
Es gibt mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede:
In beiden Traditionen ist Maryam Jungfrau, heilig und die Mutter von Isa (Jesus). Beide Traditionen ehren sie als herausragendes Vorbild.
Der theologische Unterschied: Im Christentum ist sie «Theotokos» (Gottesmutter). Im Islam nicht — weil Isa für Muslime kein Gott ist.
Aber in ihrer persönlichen Heiligkeit — ihrer Frömmigkeit, ihrer Geduld, ihrer Gottesnähe — unterscheiden sich die Bilder kaum.
Der Koran sagt sogar, dass Maryam und ihre Mutter besonders gegen Satan geschützt wurden: «Ich nehme sie und ihre Nachkommenschaft bei Dir in Schutz vor dem verfluchten Satan.»
Was Maryams Geschichte heute bedeutet
Für Menschen, die die islamische Perspektive auf Frauen kennenlernen, ist Sure Maryam oft eine Überraschung. Hier ist eine Frau, die:
- Im Mittelpunkt einer ganzen Sure steht
- Von Gott persönlich als «über alle Frauen der Welt» auserwählt bezeichnet wird
- Als Kind besondere göttliche Versorgung erhält
- Mutig Fragen stellt
- In einer der schwierigsten Situationen allein durchhält
Maryam ist kein passives Objekt. Sie ist ein Mensch mit Würde, Stärke und tiefer Gottesverbindung.
Die einzige Sure, die nach einer Frau benannt ist, sagt damit etwas Wichtiges: In der islamischen Perspektive ist die höchste menschliche Tugend kein Geschlecht. Maryam ist das Beispiel — für alle.
Häufig gestellte Fragen
Welche Stellung hat Maria im Islam?
Maryam ist im Islam die reinste und ehrenwerteste Frau. Der Koran sagt: 'Allah hat dich auserwählt und gereinigt und dich über alle Frauen der Welt auserwählt.' Sie ist nicht Mutter Gottes im islamischen Sinne, aber die Mutter des Propheten Isa.
Wie unterscheidet sich das islamische Bild von Maria vom christlichen?
Islam und Christentum stimmen darin überein, dass Maryam rein und tugendhaft war und Isa ohne Vater empfangen hat. Der Unterschied: Im Islam ist Isa ein Prophet, kein Gott — also ist Maryam nicht 'Mutter Gottes'. Aber ihre Ehre als Frau und Mutter ist im Islam außerordentlich hoch.
Was ist die Geschichte der Geburt Isa in der Sure Maryam?
Der Engel Jibril erscheint Maryam in Menschengestalt und kündigt ihr ein Kind an. Sie fragt: 'Wie kann ich ein Kind bekommen, wenn mich kein Mann berührt hat?' Der Engel antwortet: 'So ist es — Allah erschafft, was Er will.' Dann zog sie sich zurück und gebar allein.
Warum ist die Sure nach Maryam benannt?
Die Sure Maryam ist die einzige koranische Sure, die nach einer Frau benannt ist. Dies unterstreicht die besondere Bedeutung Maryams im Islam — sie ist das höchste Beispiel weiblicher Tugendhaftigkeit und Gottesfürchtigkeit.
Was sagt der Koran über Zacharias und Johannes in der Sure Maryam?
Die Sure beginnt mit der Geschichte von Zacharias (Zakariyya), dem alten Priester, der im Gebet um einen Sohn bat. Gott versprach ihm Johannes (Yahya). Diese Geschichte steht neben der von Maryam als Zeichen göttlicher Güte gegenüber treuen Dienern.