Umwelt und Islam: die Erde ist ein Treugut, kein Besitz
Das islamische Konzept der 'Khilafa' (Treuhänderschaft) sieht den Menschen nicht als Besitzer der Erde, sondern als Verwalter. Was bedeutet das für Umweltverantwortung?
Umwelt und Islam: Treuhänder, nicht Besitzer
Wer hat die Erde? Die Antwort auf diese Frage prägt alles, was danach folgt.
Wenn die Erde «gehört» — dann kann man mit ihr machen, was man will. Sie ausbeuten, entleeren, zerstören.
Wenn die Erde ein Treugut ist — dann gibt es Rechenschaft.
Der Islam wählt die zweite Option.
Khalifa: Nicht Herr, sondern Verwalter
Der Koran erzählt, wie Gott den Engeln mitteilt: «Ich setze auf Erden einen Khalifa ein.» (2:30)
Khalifa bedeutet: Nachfolger, Vertreter, Treuhänder. Nicht Eigentümer — Verwalter.
Das ist ein fundamentaler Unterschied zu einer Weltsicht, die den Menschen als Herren der Natur sieht. Im Koran ist der Mensch Verwalter — beauftrag, die Schöpfung zu hüten, nicht zu besitzen.
Ein Verwalter muss Rechenschaft ablegen. Das ist der entscheidende Zusatz.
«Fasad»: Verderben auf der Erde
Der Koran verwendet das Wort «Fasad» — Verderben, Zerstörung — in Zusammenhang mit der Erde mehrfach:
«Und richtet auf der Erde kein Unheil an, nachdem sie in Ordnung gebracht wurde.» (7:56)
«Und tut auf der Erde kein Unheil an.» (2:60)
«Fasad» ist nicht nur moralisches Verderben — es bedeutet buchstäblich Zerstörung, Verderbnis, das Zerbrechen von Ordnung. Umweltzerstörung ist eine Form von «Fasad».
Der Prophet und konkrete Umweltgebote
Die prophetischen Überlieferungen sind überraschend konkret:
Gegen Wasserverschmutzung: «Hütet euch vor drei Dingen, die Flüche hervorrufen: sich in stehendes Wasser erleichtern, auf einem belebten Weg oder unter einem Schatten.»
Für das Pflanzen von Bäumen: «Wenn die Stunde des Jüngsten Gerichts anbricht und einer von euch ein kleines Setzling in der Hand hält, sollte er, wenn er kann, es einpflanzen.»
Diese Aussage ist theologisch tiefgründig: Selbst in der letzten Sekunde der Welt hat das Pflanzen eines Baumes Wert. Das sagt etwas über die innere Logik aus: Gutes tun hat Wert an sich — unabhängig vom Ergebnis.
Gegen Verschwendung: «Verschwende nicht — selbst wenn du von einem fließenden Fluss Wasser nimmst.»
Das zweite wurde beim Waschen vor dem Gebet gesagt — religiöses Ritual schützt nicht vor der Pflicht zum sparsamen Umgang mit Ressourcen.
Hima: Das älteste Naturschutzrecht?
In der islamischen Tradition gibt es das Konzept «Hima» — Schutzgebiete. Der Prophet erklärte bestimmte Gebiete um Medina für unberührbar: kein Holzfällen, kein Jagen, keine Beweidung.
Dieses Konzept — Schutzgebiete für natürliche Lebensräume — ist möglicherweise das älteste dokumentierte Naturschutzrecht der Geschichte. Saudi-Arabien hat in jüngerer Zeit einige traditionelle Hima-Gebiete wiederbelebt.
«Mizan»: Das Gleichgewicht der Schöpfung
Die Sure Ar-Rahman enthält eine bemerkenswerte Passage:
«Der Himmel — er hat ihn erhöht und das Gleichgewicht aufgestellt. Überschreitet nicht das Gleichgewicht.» (55:7-8)
«Mizan» — Gleichgewicht, Waage. Die Schöpfung ist auf Balance ausgelegt. Der Mensch soll dieses Gleichgewicht nicht zerstören.
Das klingt wie eine koranische Beschreibung ökologischer Gleichgewichte — auch wenn der Text natürlich in einem anderen Kontext verfasst wurde.
Tier-Ethik: Tiere als «Gemeinschaften»
Der Koran sagt: «Kein Tier auf der Erde und kein Vogel, der mit seinen zwei Flügeln fliegt, ohne dass sie Gemeinschaften wie ihr wäret.» (6:38)
«Gemeinschaften wie ihr» — Tiere haben ihr eigenes Leben, ihre eigene Würde. Sie sind nicht nur Ressourcen.
Der Prophet verbot Quälerei von Tieren ausdrücklich. Er sagte, eine Frau wurde bestraft, weil sie eine Katze eingesperrt und verhungern ließ. Eine andere Person wurde belohnt, weil sie einem durstigen Hund Wasser gab.
Die Kluft zwischen Lehre und Praxis
Es wäre unehrlich, die Situation zu verschleiern: Viele Länder mit muslimischer Mehrheitsbevölkerung haben keine vorbildliche Umweltbilanz. Öl-exportierende Länder, Abholzung in Teilen der muslimischen Welt, Müllentsorgungsprobleme.
Das ist eine echte Diskrepanz zwischen islamischer Lehre und gelebter Praxis.
Aber die Lehre ist klar — und wird von wachsenden Gruppen muslimischer Aktivisten, Wissenschaftler und Gemeindeführer betont. Die «Islamische Klimaerklärung» von 2015, die von prominenten muslimischen Gelehrten aus aller Welt unterzeichnet wurde, erklärt Klimaschutz zur islamischen Pflicht.
Die Erde ist ein Treugut. Und für Treugüter gibt es Rechenschaft.
Häufig gestellte Fragen
Was bedeutet 'Khalifa' in Bezug auf die Umwelt?
Der Koran nennt den Menschen 'Khalifa' auf Erden — Verwalter, Nachfolger, Treuhänder. Das bedeutet: Der Mensch ist nicht Eigentümer der Erde, sondern verantwortlicher Verwalter. Ein Treuhänder muss Rechenschaft ablegen.
Was sagen der Prophet und der Koran konkret zur Natur?
Der Prophet verbot die Verunreinigung von Wasserquellen, empfahl das Pflanzen von Bäumen ('selbst wenn der jüngste Tag käme'), betonte Nicht-Verschwendung. Der Koran verbietet 'Fasad' (Verderben) auf der Erde mehrfach ausdrücklich.
Was ist Hima im Islam?
Hima sind Schutzgebiete in der islamischen Tradition — Gebiete, in denen Jagd, Holzfällen oder Weiden verboten sind. Der Prophet errichtete Schutzgebiete um Medina. Das ist möglicherweise das älteste dokumentierte Naturschutzrecht der Geschichte.
Warum schützen viele muslimische Länder die Umwelt nicht besser?
Das ist eine berechtigte Frage. Die Diskrepanz zwischen islamischen Lehren und der Praxis in vielen muslimischen Gesellschaften ist real. Aber das ist ein Problem der Praxis — nicht der Lehre. Die Lehre ist klar: Verantwortungsvoller Umgang mit der Schöpfung ist religiöse Pflicht.
Wie passt das Klimaproblem in die islamische Weltsicht?
Muslimische Gelehrte, die 2015 die 'Islamische Klimaerklärung' unterzeichneten, argumentieren: Klimawandel zu bekämpfen ist islamische Pflicht — weil die Erde ein Treugut ist und wir es für kommende Generationen erhalten müssen.